Als ich vom Anleger runter war und hinter dem Ellis-Island-Deli den Pier verlassen hatte, stand ich erstmal ziemlich unschlüssig auf einem völlig leeren Parkplatz herum, kam jetzt nach einer Stunde rauer Seefahrt durch den San-Pedro-Channel erstmal wieder richtig zu mir

Santa Catalina seewärts (KI-Illustration)


Jetzt war ich also auf Santa Catalina, dieser berühmten, geheimnisvollen Insel. Die echte Schatzinsel, das mysteriösen Haiti und die Teufelsinsel der Franzosen! In den Hügeln, irgendwo dort oben, empfing Moses die zehn Gebote und teilte mit seinem Stecken das rote Meer – natürlich nur im Film.
Wie Millionen andere wollte auch ich schon immer mal nach Catalina – ohne zuvor jedoch zu wissen, wie die Insel heißt oder wo sie genau lag
Doch momentan kam ich mir auf diesem Parkplatz noch vor wie auf Sylt.
Mutig verzichtete ich bei diesem Tripp auf eine Jacke, trug lediglich ein Polo Shirt und leichte Levis-Leinenshorts, dazu immerhin stabile Sneaker von Palladium. Und natürlich eine dezenten Rucksack. Etwas frisch für Shorts, so die Befürchtung, aber vielleicht freut man sich dann abends, wieder auf das Schiff zu kommen. Nichtsdestotrotz nahm ich mir vor, künftig diese Shorts von Levis intern nur noch „Catalinas“ zu nennen.
An der Wrigley Terrace sei ein Friedhof, hiess es. Da müsse ich hoch. Wrigley, wie das Kaugummi. Genauso – besser: Derselbe: William Wrigley jr., der Erbe des Kaugummi-Imperiums, war berühmter Retter und Mäzen der Insel. 1919 kaufte Wrigley die gesamte Insel, gründete Avalon, liess Casino, Ballsäle und Hotels bauen, kurbelte den Immobilienmarkt an und lockte die feinere Gesellschaft aus Süd-Kalifornien. Die Filmindustrie, die sich zu dieser Zeit gerade in goldenen Jahren befand, kam von alleine. Aber dann geschah natürlich wieder irgendetwas Tragisches, zumindest mit diesem Kaugummi: Ich hasse diese neuerlichen Kaugummi-Dragees – wie kann man nur den klassischen Streifen-Kaugummi aus der Produktion nehmen!?

Mit oder ohne Kaugummi:

Auf der Insel wurde gefeiert und es wurde hart an Filmstoffen gearbeitet und gedreht. Es entstanden Meisterwerke für Lichtspielhäuser in aller Welt. Marilyn Monroe, Barbra Streisand, Steve Martin, Steven Spielberg blieben gleich auf der Insel und kauften sich Häuser und Grundstücke. Es bleiben seligen Anekdoten über Geschichten und Tragödien, die sich hier meist in Avalon abspielten.
Und irgendwo da draußen auf dem Pazifik starb einst Natalie Wood, vermutlich ertrunken in den Gewässern vor Two Harbours, ein bis heute nicht aufgeklärtes, tragisches Rätsel.
Doch darum sollte es bei meinem ersten Besuch auf der Insel überhaupt nicht gehen. Wo war jetzt der Friedhof? Dieser Tierfriedhof?
Fast gänzlich unbekannt ist die Rolle der Insel im Zweiten Weltkrieg. Hier gab es militärische Trainingslager, in denen Soldaten, Agenten und Kampfschwimmer des OSS-Geheimdienst ausgebildet wurden.
In Los Angeles erzählte mir jemand – nachdem klar war, woher ich kam – wieviel aus dieser Zeit auf Catalina noch zu entdecken wäre. Die Rede war von zugewachsenen Bunkern und verlassenen Trainingscamps, die versteckt und vergessenen in der rauen Natur als unentdeckte Zeitkapseln warten. Sogar aus dem Bürgerkrieg soll es auf der Insel noch Spuren geben.
Dass es hier mehr als 60 endemische Tier- und Pflanzenarten geben würde, hatte ich im Apa-Guide gelesen.

Casino

Dabei haben sich die meisten Abenteuer auf der Insel im berühmten Casino von San Catalina und auf den Jachten im Hafen abgespielt.
Natürlich geschahen auch tief in der Natur irgendwann irgenwelche Morde und andere Verbrechen. Aber auf Catalina verschwimmt die Realität mit den Geschichten.
Das Museum von Catalina in Avalon ist eine echte Fundgrube für skurrile und spannende Geschichten. Dort erfährt man mehr. Immerhin sind bis heute auf der Insel rund 500 Filme entstanden, da ist viel Glamour des Jetsets geblieben. Neben den Villen, merkwürdigen Bauten und lästigen Kakteen, die diese luftigen Shorts zu einer noch schlechteren Wahl machten – aber die Wege zu den wirklich guten Geschichten finden sich immer irgendwo dazwischen, jenseits der touristischen Pfade.
Auf dem Wasser, auf Reede vor den Stränden, liegen die Jachten der Reichen. Unter Wasser, zwischen Korrallen und Riffen, liegt die versunkene Geschichte zu den alten Schiffswracks und Piratenlegenden vergangener Zeiten.
Das Hinterland der Insel soll übrigens noch unerschlossen sein. Natürliche Wildnis, unter anderem der Lebensraum für eine berühmte Horde amerikanischer Bisons. Es sind die Nachfahren tierischer Komparsen der Hollywood-Produktion „The Vanishing American“ von 1925. Ein Western-Klassiker, in dem die Ahnen dieser Tiere eine tragende Rolle spielten und die man seinerzeit für die Dreharbeiten vom Festland auf die Insel holte um sie schliesslich sich selbst zu überlassen. Auf dem Tierfriedhof sollen einige Stammhalter beerdigt worden sein.
Auch einige am Strand stehende Palmen sind nicht natürlichen Ursprungs, sondern für den Dreh der „Meuterei auf der Bounty“ 1935 in die Kulisse gepflanzt worden. Catalina ist das exotische Hinterland der Studios, Hollywood formte förmlich die Landschaft dieser Insel, die sich dann selbst immer weiter entwickelte. Dadurch entstand, sozusagen metaphysisch über der Insel, ein „liminaler Raum“, eine Art Grenzbereich zwischen physischer Realität und kultureller Projektion von Klischees. Ein Sehnsuchtsort für Menschen, die sich tief auf diese Klischees eingelassen haben und deshalb unter Durchnittstouristen eher ein Geheimtipp.
Für mich hat sich dieser Tagestripp gelohnt, alleine schon wegen der klischeevollen Atmosphäre. Die Überfahrt von Los Angeles (Long Beach) nach Avalon bedarf knapp einer Stunde Seefahrt. Wer will, kann aber gleich ein paar Tage auf der Insel bleiben. Und wer gerne spielt, bleibt vielleicht wegen dem Catalina Casino, diesem prägnanten und pompösen Art-Déco-Prachtbau am Hafenende, den Cineasten aus Roman Polanskis „Chinatown“ kennen. Allerdings, angeschmiert, wird hier nicht gespielt. Noch nie. „The Catalina Casino“ ist ein Event-Center, in dem Veranstaltungen und Konzerte gegeben werden. Gut so, denn wer Spass am Spielen hat, der hat auch Spass am betrügen.

Catalina de Erauso


Als es Dunkel wird gehen langsam die Lichter an und ich gehe zurück zum Hafen in Avalon.
Am Pier regte sich eine dicke Frau mit kurzen, grauen Haaren, die offenbar auch auf die Fähre warte, ganz fürchterlich auf. Es schien darum zu gehen, dass auf Catalina keine Regenbogenflaggen wehen würden. Sie erklärte mir und den anderen Passagieren, dass die Namensgeberin der Insel, Catalina de Erauso, eine geheime Heldin der queeren Community sei; mit 15 sei sie, so erzählte die Frau weiterhin ungefragt, aus einem Kloster geflohen und hätte fortan als Mann gelebt. Theatralisch stellte die Frau dar, wie sich de Erauso oft und gerne duellierte und bei einer dieser Gelegenheiten versehentlich ihren Bruder dramatisch umbrachte. Natürlich stand in meinem Reiseführer, dass die Insel nach der Heiligen Katharina benannt wurde, die aber auch nur eine fiktive Figur gewesen war.
Catalina de Erauso war eine reale Persönlichkeit – die aber mit Santa Catalina nichts zu tun hat. Nice Try, fremde Frau.
Ich war dann ganz froh, dass die Frau dann doch nicht auf die Fähre stieg.
Während der nächsten Stunde blieb ich dann draußen, auf dem Außendeck über dem Heck stehen, blickte Santa Catalina dabei zu, immer kleiner zu werden, dachte an mein MacBook und kaute ein Wrigleys-Kaugummi, aber eines dieser neueren. Mir ist, als würde mich eine Stimme auf etwas hinweisen: dort, ganz weit, hinter Santa Catalina, ist irgendwann Hawaii.


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