Da sitzt man dann in einem düsteren Zimmer mit vergitterter Außenterrasse wie der Affe im Käfig

Brühl
Einbahnstraße in der Altstadt von Brühl

In einem ehemaligen Gay-Hotel aus den Neunzigern, mitten in Brühl. Yeah – Disco!
Draußen kleine Einbahnstraßen, gesäumt von unsortierten Reihenhäusern, einige mit gekachelter Fassade, hinter schmalen Bürgersteigen. Nichts los hier. Hinter den Fassaden scheint selbst Barock der neueste Schrei zu sein. Aber immerhin: rheinische Frohnaturen. Hier geht zum Lachen keiner in den Keller, dennoch soll es hier im Karneval etwas dezenter zugehen.
Brühl ist nur ein Anhängsel von Köln und liegt südlich, auf halbem Weg nach Bonn. Eigentlich nur ein Vorort, etwas in die Jahre gekommen. Seine Glanzzeiten erlebte Brühl in den bundesrepublikanischen Jahren, als das benachbarte Bonn noch Bundeshauptstadt war. Eine alte Musterstadt der Vergangenheit. Dafür glänzt Schloss Augustusburg, ein Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert. Der Schlosspark ist ein gigantischer Wald, durchzogen von einem geografischen Muster an Wegen und Pfaden. Surreal. Da kann man sich mal verirren, um dann wieder schnell herauszufinden.

Max Ernst


Dem berühmten Surrealisten Max Ernst, 1891 in Brühl geboren, ist hier ein ganzes Museum gewidmet. Bevor er 1922 nach Paris ging, prägte er von hier aus die Kunstszene des Rheinlands. Derzeit ist das Museum jedoch geschlossen – voraussichtlich bis Mitte 2027.

Die Massen kommen aber auch dann nur wegen des Phantasialands: ein Themenpark mit Achterbahnen und anderen Fahr- und Showattraktionen. Ein Park, der 1967 als Märchenwald mit Westernbahn eröffnet wurde und mittlerweile zu einem der vielfältigsten Freizeitparks auf engstem Raum geworden ist: Berlin, Mexico, China, Fantasy, Mystery und Afrika – sechs Themen in einem engen Gewirr aus Straßen, Gängen und Pfaden. An vollen Tagen wird es sehr voll und laut, dazu themenspezifische Dauerbeschallung und das Geschrei aus den Achterbahnen und Attraktionen. Künstliches Tamtam, das auf die Nerven gehen könnte. Dazu stundenlanges Herumstehen in den Menschenschlangen vor den Eingängen für sechs Minuten Thrill auf Schienen. Großartig.
Aber: Keine Western-Stadt!
Der Themenbereich Silver City wurde spätestens nach einem Großbrand 2001 aufgegeben. Den absehbaren Zielgruppen ist das Thema Western nicht mehr zu vermitteln, heißt es. Dann eben nicht. Auch ohne dem Schlangestehen läßt sich der Park unmöglich an einem einzigen Tag erkunden.
Nachdem der Park schließt, herrscht nochmal großer Zirkus auf den Parkflächen vor dem Phantasialand: ungeduldige Automassen, Menschen laufen quer über den Parkplatz, wie in Trance, auf der Suche nach ihren Fahrzeugen. Hupen, Geschrei. Mitarbeiter in Dienstjacken winken und weisen den Weg. Alles will weg.
Keine halbe Stunde später versinkt Brühl wieder im Tiefschlaf. Totenstille. Kaum zu glauben, dass sich hier einst Spionagethriller abgespielt haben sollen. Die diskreten Villen, die Nähe zur Regierungsbank in Bonn und die schnelle Anbindung an die Flughäfen – ein perfektes Sprungbrett für die Flucht aus der westdeutschen Provinz in die weite Welt.

Vorher sitzt man aber wieder im besagten Hotelzimmer, auf dieser käfigartigen Terrasse in durchgesessenen Korbsesseln, und blättert durch den „Brühler Bilderbogen“ – so eine kostenlose Zeitung, die im Zimmer auslag. Am Kulturkalender und den lokalen Werbeanzeigen kann man den Charakter und den geistigen Wert einer Stadt erkennen. Bei Brühl war ich dankbar, dass es solche Städte in dieser Form noch gab. Wie lange noch? Was wird aus Brühl?


Am nächsten Morgen waren diese Gedanken verflogen. Es zog mich hinaus, auf die Autobahn Richtung Köln und von dort im Eiltempo zurück in den Norden. So reizvoll NRW auch sein mag – am Ende zieht es mich immer wieder fort.


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