Reisebücher wirken heute im digitalisierten Alltag wie aus der Zeit gefallen.
Während GoogleMaps buchstäblich keine Grenzen kennt, beschränken sich gedruckte Medien auf einen kleinen Ausschnitt des Ganzen. Konzentration anstatt Quantität.
Bücher sind nämlich Kuration: Der Autor ist der Kapitän der Information, der Leser ist ein Passagier.
Gerade auf Reisen ist diese Beschränkung ein grosser Vorteil.
Reiseführer und Statussymbol
Dabei muss der Reiseführer keine räumliche Orientierung bieten – er kann auch eine ästhetische Haltung liefern, wie einem Ort oder einer Landschaft angemessen gegenübergetreten werden sollte.
Die berühmten Wallpaper* City Guides* sind Reiseführer und gleichzeitig Statussymbol mit dem Anspruch einer solchen Haltung.
Die ersten dieser stringent designten Büchlein erschienen 2006 als Kooperation des Verlag Phaidon Press und dem Stilmagazin Wallpaper*. Zu einem Preis von gerade einmal £4,95 boten damals die Ausgaben zu den Metropolen London, New York und Tokyo kompakte Informationen, geliedert über praktische und haptisch interessante Registerstanzung. Die kompakten Taschenbücher kommen in hoher Qualität und sind leicht am auffälligen, markanten Pantone-Cover zu erkennen.



Design schlägt Message
Kritiker bemäkeln den provokanten Widerspruch der Reihe zwischen ihrer angeblich mangelnden Alltagstauglichkeit und fehlenden Basisinformationen zu Währungen, Verkehrsnetzen und Budget-Aspekten. Gerade bei Informationsmedien dürfe nicht Design die Message schlagen.
Tatsächlich überwiegt die visuelle Sprache.
Die grundsätzlich geordneten Fotografien der Wallpaper* Guides* handeln überwiegend von menschenleerer Architektur und Interieurs. Dieser distanziert kontrollierte Blick ist der Zielgruppe des einsamen Flaneurs vorbehalten, der das urbane Chaos als ästhetisches Raster wahrnehmen und konsumieren möchte.
Praktisch geht es leicht über ein strenges, redaktionelles System der seitlichen Registerstanzung. Über farblich codierte Laschen greift man schnell und zielsicher auf Kapitel wie Landmarks, 24 Hours, Hotel und auf viele weitere Abschnitte zur Architektur und Kunst zu, die von heimischen Kritikern und Autoren gefüllt wurden.
Wallpaper-Relaunch mit Luxusdestinationen
Die aktuell für 2026 angekündigte Neuauflage der Wallpaper* Travel Guides* unter der Chefredaktion von Bill Prince Verspricht eine neue Ausrichtung in Richtung weltweiter Luxusressorts und -destinationen.
War die Reihe bisher überwiegend auf Metropolen bezogen, werden nun auch kulturelle Ziele, Insel und ländliche Rückzugsorte hinzukommen.
Der Relaunch startet mit Ausgaben zu Mailand, London, New York und Paris – mit enormen Preissprung von £4,95 auf £15,00.
Stil hat seinen Preis.
Das Smartphone bleibt ein unverzichtbares Werkzeug zur Information auf Reisen. Ein guter Reiseführer im 21. Jahrhundert kann ein stilvoller Begleiter sein, kann aber auch mehr sein. Ob ein Design-Objekt wirklich auch seine Aufgabe als Informationsmedium erfüllt, darüber kann nur der Leser und Nutzer entscheiden.
Für mich ist die Wallpaper-Bibliothek ein dezenter Kurator im verwirrenden digitalen Rauschen, für den systematischen Durchblick und urbanes Verständnis.

Für meine Begriffe zu viel Kult und Design.