Im zweiten Teil von „eingetaucht!“ geht es um die Kempowski-Safari nach Rostock, die der Erzähler mit Max Foerde 1989 unternahm und über Erinnerungen, wie Max zwischen den Extremen aufwuchs.
Textauszüge aus dem Arbeitsentwurf
Die guten Ideen, also die wirklich guten Ideen, kommen eher selten. Die Idee mit der Kempowski-Safari war so eine, sogar eine der besten, die ich je hatte.
Die „deutsche Chronik“ hatte mich voll gefangen, die Familiengeschichte der Familie Kempowski aus Rostock hatte viel mit meiner eigenen Familiengeschichte zu tun. Im Gegensatz zu denen waren mir die Kempowskis sogar viel näher; hört sich jetzt vielleicht komisch an, ist aber ein Beweis dafür, wie kraftvoll Literatur sein kann.
Ich darf an dieser Stelle aber nicht unterschlagen, wie kraftvoll die Fernsehverfilmungen von Eberhard Fechner zu diesem Eindruck beigetragen haben. In den Siebzigern, irgendwann um die Weihnachtszeit, wurde der Fernsehmehrteiler ausgestrahlt, ununterbrochen zitierte mein Vater die Gebrüder Kempowski.
Schon lange vor dem Mauerfall hatte ich die Idee, in den Osten nach Rostock zu fahren und mich da dann auf Spurensuche zu begeben.
Es war eher so eine intellektuelle Fantasie, Mauerfall und Wende waren noch kurz vor dem November 1989 völlig untypisch, ich kannte ja nichts anderes als die Realität des „eisernen Vorhangs“.
Ein Traum, diese literarische Spurensuche im historischen Kempowski-Land. Ich wollte die echten Orte aus den Romane von Walter Kempowski sehen und besuchen: das Haus der Familie in der Augustenstrasse, die Schule, das Kriegerdenkmal mit der Inschrift „Pinsel und Topp“, die Marienkirche.
Nach Dingen suchen, die einem aus den Bücher bekannt waren. Vielleicht, so mein verwegener Plan, würde man sogar Zeitzeugen treffen. Dicker Kahl oder Subjella.
Mindestens eine zerfledderte Ausgabe eines Taschenbuchs von „Tadellöser&Wolff“, so erzählten sich Fans, sei während der Ostzonenzeit unter den Alt-Rostockern kursiert.
Ob man sich wohl jetzt in Rostock für Walter Kempowskis Bücher angemessen interessieren würde? Also auch amtlicherseits?
Eigentlich hätte man sich zuvor noch eine genaue Liste machen sollten, ein ordentliches Quellenstudium betreiben müssen, um vor Ort dann alles ganz genau und auch schnell zu finden. Aber aus irgendwelchen Gründen, die ich mir bis heute nicht verzeihe, habe ich das versäumt. Nun, die Ausführung der Kempowski-Safari kam dann ja auch sehr spontan. Es ist also nie gut, wenn aus einer guten Idee eine fixe Idee wird.
Auf jeden Fall mussten auf diesem Abenteuer Fotos gemacht werde, ich plante deshalb genug Filme ein.
Eigentlich wäre es ja eine ideale Geschichte für ein Magazin. Für „TEMPO“ oder den „stern“. Ich war mir allerdings sicher, nicht den Hauch einer Chance zu haben, diese Geschichte bei einem dieser Blätter unterzubringen. Ich hätte es persönlich einem Redakteur vorstellen sollen, doch dazu fehlte mir einerseits Selbstvertrauen, andererseits wußte ich, dass Walter Kempowski zu dieser Zeit als politisch schwierig galt. Also lieber nicht, ich war zu unerfahren.
Ich fragte Max, ob er Interesse hätte mitzufahren und mir sozusagen zu assistieren, schon wegen der Fotos. Außerdem kannte ich außer meinen Vater niemanden, der mit dem Namen Kempowski etwas anfangen würde und würdig wäre, mich zu begleiten.
Wir vereinbarten, diesen Tripp am letzten Wochenende des Jahres durchzuführen. Kurz vor Silvester hätten die Leute schliesslich mehr mit sich selbst mehr zu tun, da fallen so zwei wie wir aus dem Westen überhaupt nicht auf. Dachte ich.
Passend dazu wollte ich mir von einem entfernten Verwandten einen Opel Kapitän ´48 mit Portaltüren, Baujahr 1950, leihen. Da der wußte, dass ich vernünftig mit solchen Fahrzeugen umgehen konnte, vertraute er mir dieses äußerst wertvolle und alte Fahrzeug an. Dass es in die DDR gehen würde, erzählte ich ihm nicht. Aber ich musste standesgemäß dorthin.
Ich fuhr also Freitag, jenem 22. Dezember 1989, in dem alten Opel von Hamburg nach Lübeck.
Im Autoradio verkündete ein Sprecher auf NDR 2, dass heute in Berlin das Brandenburger Tor geöffnet werden soll. Ich freute mich und war mir sicher, in Sachen Kempowski der allererste Scout zu sein.

Ich wollte Max an einer Tankstelle gegen neun Uhr abholen, so war es vereinbart. Ausdrücklich erwähnt war leichtes Gepäck.
Eigentlich wollte ich dann nach Travemünde, mit der Autofähre zum Priwall hinüber und versuchen, die Grenze nach Mecklenburg zu überqueren. Wenn schon Abenteuer, dann richtig.
Nachdem Max zugestiegen war, erklärte er mir dann aber, dass der Grenzübertritt nur in Schlutup möglich sei. Ansonsten sei die Grenze dicht und es wäre viel zu gefährlich, auf eigene Faust über den Todesstreifen zu wollen, „Minen“, warf er warnend ein. Das klang so plausibel wie vernünftig und so hielt ich mich rechts Richtung Schlutup. Unwissend, wo ich mich eigentlich befand. In Lübeck war ich vorher schon mal gewesen, an der Ostsee in Travemünde und natürlich auf dem Weihnachtsmarkt, aber doch nicht in Schlutup, am Arsch der Welt. Aber ich vertraute Max, der war ja lübeckischer Lokalpatriot.
Am Grenzübergang wurden wir dann beide doch zunehmend aufgeregter. Irgendwie konnte ich mir noch nicht richtig vorstellen, wirklich von denen über die Grenze gelassen zu werden.
Aber vor Ort ging der Übergang dann doch sehr reibungslos vonstatten. Die andere Spur, vom Osten in den Westen, staute sich mit kleinen, grauen Autos. Ich fuhr in Schrittgeschwindigkeit an dem Grenzerhäuschen vorbei, doch niemand nahm jegliche Notiz von uns. Dabei hatte doch fest damit gerechnet, zumindest nach dem Ziel der Reise gefragt zu werden um dann militärisch korrekt „Verwandtenbesuch in Rostock!“ zu antworten. Aber nichts.
Max hatte extra seinen Pass hervorgeholt, hoffte auf einen Stempel, wobei ich mir zumindest sicher war, dass ein Visum jetzt überhaupt nicht mehr interessieren würde.
Als wir dann hinter dem Grenzübergang durch Selmsdorf fuhren, wo es seltsam ruhig und kaum jemand auf den Strassen unterwegs war, guckte ich noch mehrmals in den Rückspiegel, sicherheitshalber, doch niemand folgte uns. Wir fuhren wir entschlossen weiter gen Osten, der aufgehenden Sonne durch den Nebel entgegen, mit der ein langer Zug von Trabanten, Wartburg und auch einigen Lada, sich entgegengesetzt in den Westen, fortbewegte.
So wenige Wochen nach Grenzöffnung war es verständlicherweise noch ein kleines Abenteuer, die ostdeutsche Republik auf eigener Faust erkunden zu wollen. Die ersten Gerüchte über merkwürdige Begegnungen kursierten. Man sollte sich auf einiges gefasst machen.
Immer mehr Menschen machten sich auch von West nach Ost auf, wollten kleine Ausflüge nach Ostberlin machen. Am Wochenende, mit der ganzen Familie. In Westberlin parken und dann hinüber in den Osten gehen, zum „bummeln“. Man wusste ja nicht, ob die Straßen des Sozialismus für den Familienwagen geeignet war und wollte ja auch nicht angeben und Begehrlichkeiten wecken. Dazu hatte ich nun wirklich kein Interesse. Und Max auch nicht. Was sollten wir also in Berlin?
Max war erst vor einigen Monaten drüben gewesen. In Ostberlin gewesen, die obligatorische Klassenreise inklusive Zwangsumtausch von 25 West- in Ostmark. Vorher, noch im Westen, gab es begleitende Vorträge über DDR-Regierung und Grenzsystem.
Ob ich wissen würde, dass solche Klassenreisen von Bonn aus gesponsert würden, fragte er mich. Dafür wären dann allerdings die Vorträge und der Ostbesuch Pflicht, sozusagen Zwang.
Solche Dinge wüsste nicht jeder, meinte Max. Er fände das übrigens ausgesprochen richtig, dass mit den Vorträgen. Der Zwangsumtausch sei hingegen eine Unverschämtheit, wenn auch eine verständliche Unverschämtheit.
Dann erzählte er mir die völlig wilde Geschichte von dem FDJ-Abzeichen.
Nachdem er, unter den Linden sei das gewesen, eher zufällig ein Büro der „Freien deutschen Jugend“ entdeckt hatte, ist er da doch tatsächlich da rein und hätte nach einem FDJ-Aufnäher gefragt, was dann natürlich zu einer fürchterlichen Brüllerei führte. Er wolle wohl provozieren, hieß es, was ihm einfalle.
Diese Leute dort („Apparatschiks“) schmissen ihn förmlich raus und meinten noch, dass er froh sein könne, nicht verhaftet zu werden. Vor dem Eingang standen zwei tatsächlich zwei Volkspolizisten, die dann aber nichts machten.
Max fand diese Reaktion erschreckend und völlig unverständlich, die sollten sich doch lieber mal öffnen und uns einfach endlich mal die Hand reichen; jetzt hätten die dazu doch die Gelegenheit. So ein Abzeichen wäre doch auch kein Zeichen der Feindschaft?
Aber dann diese ekelhafte Kettwurst!
Den ganzen Zwangsumtausch hätten sie schliesslich mit Unmengen an Vanilleeis durchgebracht, bis ihnen natürlich regelrecht schlecht geworden sei. Der Kellner in dieser Milch-Bar schien gedemütigt, fast sei es peinlich gewesen. Überhebliche, kapitalistische Wessis, dachte der bestimmt.
Und beim Bahnhof Friedrichstraße hatte man dann festgestellt, dass man die Reste von dem Blechgeld auch dem roten Kreuz hätte spenden können. Vor dem „Tränenpalast“ standen dafür so Spendenbüchsen herum. Am liebsten hätte man da hinein gekotzt.
Von Berlin hatte er jetzt jedenfalls die Nase voll, sagte Max.
Dann doch lieber Rostock.
Bis Rostock war die Landstrasse in ziemlich schrecklichem Zustand, dafür aber gut beschildert.
Schade, ich hätte es lieber über den Priwall versucht. Das wäre sicher abenteuerlicher gewesen. Max kannte den Priwall gut und erzählte mir wieder so eine schräge Geschichte. Er sei mal „so eine Art“ Fluchthelfer gewesen, meinte er. Da wäre er gerade sechzehn Jahre alt gewesen, so um 1987 müsste das gewesen sein. Da sei er auf der Westseite „direkt am Zaun eingesetzt“ worden: er und ein paar Kumpels sollte Steine gegen den Grenzzaun werfen und damit die Grenztruppen auf sich aufmerksam machen. An einer anderen Stelle wären dann Grenzflüchtlinge über den Todesstreifen gelotst worden.
Er schilderte ein unglaubliches Abenteuer „mit Lichtkegeln und Scheinwerfern im Nebel, da kamen auch Grenztruppen mit Geländewagen und Helikopter“, bis sich der Bundesgrenzschutz einmischte und die Aktion dann abbrach. „Was aber beabsichtigt war und zu der Inszenierung gehörte“.
Ich verstand zwar nicht, welchen Sinn eine solche Aktion gehabt hätte, schwieg dann aber und erfuhr so auch weiteres dazu. Max erzählte diese komischen Geschichten nämlich immer so fragmentarisch.
Auf der Fahrt durch Mecklenburg hörten wir überwiegend Jazz.
Nichts Modernes, sondern klassischem amerikanische Schellack-Jazz der Zwanziger und Dreissiger Jahre, von mir persönlich kuratiert und fachmännisch auf HiFi-Kassetten überspielt.
Ich hatte für diese Fahrt extra etliche Kassetten mit diesen Meisterwerken vorbereitet, diese Musik musste unbedingt dabei sein, wenn es um die „deutsche Chronik“ geht. Damit würde es uns unterwegs „Gutmannsdörfer“ gehen. Wer weiß, wo wir auf dieser Reise überall hingeraten können.
Wir waren beide sehr aufgeregt und voller Vorfreude. Erst jetzt war uns die geschichtliche Bedeutung dieser Fahrt erst richtig bewusst. Ich fühlte mich wie ein Art Ägyptologe, der kurz daran war, eine versiegelte Grabkammer zu betreten.
Ich hoffte, als erster in der Rostocker Augustenstrasse das Elternhaus des Schriftstellers wie eine Zeitkapsel betreten zu können. Ich hoffte wohl insgeheim, dass die Wohnung der Kempowskis noch genauso verlassen vorzufinden ist, wie sie von der Mutter verlassen wurde, als sie 1948 von den Russen dort verhaftet wurde. Als ob es die 40 Jahre DDR zwischen damals und heute nie gegeben hätten, verdrängte ich die Tatsache, dass in dieser Zeit bis heute natürlich dort irgendjemand gewohnt haben musste, denn solche Überlegungen störten nur. Uns war seit Selmsdorf wirklich so, als ob jenseits der innerdeutschen Todesgrenze eine andere Welt betreten wurde. Es sah anders aus, roch anders und schmeckte fremd, diese neue graue Welt. Es war, als ob hinter den kaputte Kulissen des realexistierenden Sozialismus die verstaubten, vergammelten vierziger Jahre zu entdecken waren, inklusive realen und eingebildeten Trümmerreste aus Nazi-Deutschland. In Rostock angekommen überwog dann die Frustration. Der real existierende Sozialismus ist frustrierender und grauer als im Ostfernsehen.
Wir fuhren erstmal direkt in die Augustenstrasse, weil wir es aus Neugierde nicht länger aushalten konnten.
Zu meiner Überraschung fanden wir Walter Kempowskis altes Elternhaus sofort, ich hatte ja zumindest meinen Vorkriegsstadtplan. Als wir die Brandesstraße hoch kamen, konnten wir es schon von weiten sehen, das berühmte Haus mit den schmalen Mansardenfenster. Bauhausstil.
An der Ecke eine verlassene Metzgerei, die leeren Regale waren durch die großen Schaufenster deutlich zu sehen. Gab es den Laden nicht damals schon, im Roman?
Die Augustenstraße selbst war in einem fürchterlichen desolaten Zustand. Sie hatte sich wohl seit dem Krieg nicht verändert, auf dem Kopfsteinpflaster waren lauter tiefe Schrammen.
Tief verschrammt auch die Hausfassaden, besonders die Toreinfahrt des Kempowski Hauses. Ein LKW versperrt uns den Weg, der Anhänger stand bis quer bis auf die Straße. Von unten blickte ich die Hausfassade hoch. Die Kacheln, ob die wohl noch original sind?
Vereinzelt kamen Leute vorbei, musterten und interessiert freundlich bis mißtrauisch, gingen vorbei.
Ständig verglich ich mit meinen Erinnerungen der Kempowski-Serie. Dabei wurde das doch hier überhaupt nicht gedreht.
Die Haustür in der Toreinfahrt war offen. Wir drücken uns rein und stiegen die Treppen hoch. Im ersten Stock rechts befand sich die alte Wohnung der Kempowskis, das wusste ich noch aus den Roman.
Ich konnte es kaum fassen, oben neben der Haustür entdeckte ich tatsächlich sofort das alte Milchglasfenster, jenes berühmte Milchglasfenster, DAS wohl einzige Milchglasfenster deutscher Literaturgeschichte. Unversehrt. Foto.
Ohne Probleme sind wir dann in die Wohnung gekommen. Wobei: Eigentlich war das ja gar keine Wohnung, Möbel gab es hier keine. Die wurden ja damals mitgenommen, 1948, nachdem Mutter Kempowski in Haft kam. Das wussten wir ja, aus den Roman.
Eine Frau, die uns etwas später beim Verlassen des Hauses begegnete, wir fragten ganz frech, ob hier die Familie Kempowski wohnen würde, verneinte. Hier seien, erklärte sie uns, „Kantinenräume“ für die Werktätigen des Getränkekombinates, unten im Hof. Sie meinte dass, was von „Doktor Krauses Sonnenbrausefabrik“ übrig blieb, oder besser: was die Genossen dann daraus gemacht hatten.
Das alte Wohnzimmer war völlig mit Spinden voll gestellt, wohl als eine Art Umkleideraum zweckentfremdet. Unglaublich. Dialoge und Szenen rauschten mir durch den Kopf, die sich hier, in diesen Mauern, zumindest in irgendeiner Form, abgespielt haben und zur Geschichte wurden. Und nun wurde sich hier umgezogen und gerülpst. Und was sonst noch gemacht.
Oben, unter dem Dach, befand sich das alte Mansardenzimmer von Walter. An der Tür war noch die Stelle zu erkennen, an der das Namensschild angebracht war. Auch hier oben war die Tür nicht verschlossen.
Das alte Mansardenzimmer war recht schmutzig. Das schmale Fenster zur Straße hinaus, der legendäre Blick in die Paulstraße. Der Fensterrahmen, mit dem alten Farbanstrich, der langsam aber sicher abblätterte. Was jetzt wohl Neues käme? Wie Gespenster schienen wir uns durch die Räume zu bewegen. Max sagte die ganze Zeit kein Wort und mir kam es so vor, als ob er vor lauter Ehrfurcht das fotografieren vergaß. Nach so vierzig Minuten hatten wir beide dann das unmögliche Gefühl, langsam, aber sicher verschwinden zu müssen. hinter dem Haus über den grünen Weg machten wir uns dann in Richtung Stadtzentrum. Dabei entdeckten wir den großen Komplex des Ministeriums für Staatssicherheit. Am Eingang ein großes Schild, das wurde natürlich auch fotografiert. Dann Lutz wir eigentlich relativ zierlich los in Rostock herum.
Auf dem Rückweg dann über den Universitätsplatz. Am vergangenen Donnerstag soll hier noch demonstriert worden sein, erklärte uns ein älterer Herr, der in der Gegend herumstand. Eigentlich hatten wir vor, die ein bis zwei Nächte im Auto zu verbringen. Ich hatte alte Bundeswehr-Schlafsäcke im Kofferraum, die haben mehrere Tage dafür ausgelüftet, außerdem eine alte Petroleum-Lampe. Am Markt wurden wie aber dann gezielt in Gespräche verwickelt, man sah uns den Westbürger offenbar an, uns wurden private Zimmervermittlung offeriert. Für fünf Westmark wollte uns der ältere Herr von vorhin bei einem älteren Lehrerehepaar unterbringen, das war wirklich günstig und wir wurden uns schnell einig.
Wenig später standen wir also in einer geräumigen Kellerwohnung eines großzügigen Einfamilienhauses aus der Vorkriegszeit herum, in einer Art Gästezimmer im Stil der sechziger Jahre. Ich studierte die gefüllten Bücherregale, Max hingegen besah sich die Bilder an der Wand: Rostock-Fotos aus den siebziger Jahren, in grellen, verwaschenen Farben, ganz offensichtlich aus alten Kalendern ausgeschnitten. Die Bibliothek bestand ausschliesslich aus Ostliteratur, dazwischen viel Marxismus, SED und FDJ. Vor Monaten noch ein linientreues Haus des Lehrers, jetzt waren ausgerechnet wir hier. So kann es eben gehen, wer hätte das gedacht…