Meine Base Sinead
Ich weiß nicht mehr genau, ob ich folgendes tatsächlich erlebt habe, oder ob ich es mir irgendwann, gnadenlos zugedröhnt, im Fieberwahn oder völlig übernächtigt, zusammen fantasiert habe. Ich weiss es einfach nicht mehr.
Gehen wir also einfach davon aus, dass die folgende Geschichte erstunken und erlogen ist; wir sind ja unter uns und ich damit auf der sicheren Seite.
Ich hatte einst eine Oma; eigentlich war es meine Pflegemutter, aber das ist eine andere Geschichte.
„Oma“ nannte ich sie nur, weil die Pflegemutter schon ziemlich alt war. Und deshalb hätte ich es komisch gefunden, sie Pflegemutter, Mutter, Mama oder so ähnlich zu rufen. Später, als ich dann etwas älter wurde, da nannte ich sie Tante Kate, denn eigentlich hieß sie Caroline und war ursprünglich, ganz genau im Jahre 1925, aus Irland nach Norddeutschland ausgewandert. Sie kam aus einem Kaff namens Clonlara, das liegt noch heute im County Limerick. Wieso und weshalb sie auswanderte ist eine ganz andere Geschichte, und man könnte sogar ein ganzes Buch mit dieser Geschichte füllen, deshalb lassen wir das hier lieber. Jedenfalls hatte Tante Kate eine Nichte, Grossnichte oder was weiß ich, was für eine sonst wie entfernte Verwandte, und das war keine andere als Sinéad O’Connor. Die Sinéad O’Connor.
Ich hielt das damals für sensationell, endlich war mal etwas los in der Ziegelstrasse. Natürlich war uns der Besuch zuvor angekündigt worden, so vage. In einem Brief wurde von den Verwandten in Irland angedeutet, dass durchaus Sinéad eines künftigen Tagen uns besuchen könne, eventuell. Durchaus, sie sei nämlich gerade wegen ihrer Musiksache in Deutschland unterwegs.
Damals, also ich war zu dieser Zeit keine sechzehn Jahre alt, es muss also um 1986 gewesen sein, war ihr Hit „Nothing compares to you“, diese Sache mit Prince, noch nicht einmal in der Mache. Dennoch war die Irin keine Unbekannte in der Musikszene. Gerade war ihr erstes Album The „Lion and the Cobra“ in der Produktion, die Single „Mandinka“ kursierte als Demo und schlug ziemlich hohe Wellen, ich glaube sogar im „Zillo“ wurde es schon gespielt, das war Musik, die mir durchaus lag. Ich interessierte mich natürlich für den Verwandtschaftsgrad und dabei kam heraus, dass Tante Kate so etwas wie die große Schwester gewesen ist – für die Oma von Sinéad! Aus irgendwelchen Gründen war Kate aber so etwas wie eine legendäre Figur für diese undurchsichtigen, völlig nebulösen irischen Verwandtschaftsverhältnisse. Onkel Ludwig, das war mein Pflegevater, gab zu bedenken, dass das ja eigentlich nur meine „Nenn-Base“ wäre, wenn überhaupt. Das bekam Tante Kate aber nicht mit, dass sich Onkel Ludwig wie immer zurückhielt.
Und dann, einige Tage oder Wochen später, stand sie dann tatsächlich vor unserer Tür, ganz alleine im norddeutschen Lübeck. Sie war schüchterner, als ich es mir vorher vorgestellt hatte, mir war das aber eher sympathisch.
Allerdings: Tante Kate fand ihr Äußeres ziemlich merkwürdig und offenbar auch diskussionswürdig. Wobei Tante Kate Sinéad zuvor wohl nur einmal als ganz kleines Kind gesehen hatte und deshalb ja überhaupt nicht wissen konnte, wie sie vorher aussah, vor dieser Glatze. Vor dieser schweren Lederjacke, den kaputten Jeans und klobigen Martens. In der Küche, wo wir kurz unter uns waren, schien Tante Kate völlig verzweifelt. Aber ich würde mich ja auch so traurig kleiden, sie sei ja einiges gewohnt. Andererseits, so gab sie zu, während sie ihre „Schnittchen“ schnitt, scheint es ja darin robust und warm zu sein, in dieser Arbeiterkleidung. Diese Kurzhaarschnitte verstehe sie aber nicht, so ein Kahlschlag, dann noch als Mädchen. Ich grinste, denn es war genau mein Stil. Zumindest hatte ich genau zu diesem Zeitpunkt in dieser Richtung damit begonnen, wenn auch noch nicht an meinen Haaren, strebte ich doch damals, fast schon magnetisiert, selbst zu den Subkulturen, favorisierte fasziniert und brennend mit den Mods und war deshalb heilfroh, wenigstens mit meinen Dr.-Martens-Halbschuhen und der „Second-Hand“ Harrington-Jacke mithalten zu können.
Jedenfalls gab es dann ein großer Hallo, in unserem kleinen Reihenhaus hinter dem Friedhof. Abends hielt es Sinéad dann dort aber nicht mehr aus und wollte ausgerechnet mit mir die hiesige Kneipenlandschaft erkunden. Ich sollte als so etwas wie einen Fremdenführer herhalten. Ausgerechnet ich, der die Kneipen und Wirtschaften höchstens von außen kannte. Tatsächlich war ich natürlich begeistert und fest überzeugt, diese Rolle zur gänzliche Zufriedenheit auszuführen.
Wir gingen zu Fuss den kurzen Weg von Sankt Lorenz in die Altstadt. Am liebsten hätte ich Fakten zu den zahlreichen historischen Bauten, auf denen wir auf unserem Weg vorbeikamen, geliefert. Aber zu dieser Zeit hatte ich es noch nicht so mit geschichtlichen Daten, mit Jahreszahlen und so, deshalb liess ich es lieber. Stattdessen führte ich Sinéad quer durch die Stadt, direkt zum „Amadeus“, das einzige Café und Bistro dass ich wirklich kannte und in dem sich überwiegend nur Pennäler aufhielten, also Schüler der benachbarten Traditionsgymnasien. Gegenüber, auf das Katharineum, gingen irgendwann sogar die Gebrüder Mann, angeblich besuchten sie bereits jenes Lokal, dass es damals hier in den Räumen des „Amadeus“ gab. Aber das sind nur unbestätigte Gerüchte. Hier gefiel es mir, aber Sinéad offenbar weniger, sie setzte sich nicht einmal. Ich wollte ihr wenigstens etwas hanseatische Geschichte zeigen, die Schiffergesellschaft schien sie auch etwas zu interessieren, aber auch hier tranken wir nichts. Sinéad fragte mich doch allen Ernstes, ob es hier irgendwo noch Hakenkreuze an irgendwelchen Häusern gab. Sie sei doch in Deutschland, da müsse es doch so etwas geben. Mir fielen die Bunker ein, die um die Stadt verstreut lagen. Sie kräuselte die Stirn und grinste diebisch; es war jener Nazi-Grusel, der auch viele amerikanische Touristen umtreibt, die sich hier oben verirren. Ich arbeitete in den Ferien regelmässig als eine Art lebendiger Werbeträger vor dem alten Rathaus in der Fussgängerzone, bemalt als Clown verteilte ich Handzettel für das Puppenmuseum, da kannte ich mich aus. Ich könnte ihr gerne diese Bunker zeigen, vielleicht sei ja auch einer offen.