Der Lübecker Burgtorfriedhof ist ein Ort voller Geschichten und Geschichte. Hier auf dem Friedhof finden Mörder und ihre Opfer zusammen.

Das einmal sehr bunte und optimistische Grab der Marianne Bachmeier und ihrer Tochter ist mittlerweile verschwunden. Eine bescheidene Steinplatte erinnert heute an die Tragödie, die Justizgeschichte geschrieben hat.


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Die Geschichte beginnt im Mai 1980. In der Hansestadt Lübeck waren die siebziger Jahre noch nicht richtig zuende, die Stadt befand sich damals noch im Zonengrenzebezirk zum anderen Deutschland, der „DDR“. Eine ruhige, verschlafene Stadt, in der eigentlich nie etwas passierte.

Die siebenjährige Anna Bachmeier soll ich gekannt haben, kann mich daran aber nicht mehr erinnern. Sie soll wie ich an den „Spielnachmittagen“ teilgenommen haben, die damals an der Freilichtbühne gegeben wurden. An ihre Mutter Marianne, besonders natürlich ihren bunten Hippiebus, kann ich mich hingegen gut erinnern. Dieses Foto der Lübecker Nachrichten entstand am Tag, als Anna verschwand.

Anna war ein echtes Altstadtkind, sie wohnte mit ihren Eltern auf der Innenstadtinsel, die Familie betrieb dort in historischen Räumen das „Tipasa“, eine bekannte Szene-Kneipe der Stadt, benannt nach einer Erzählung des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus.
Marianne Bachmeier ist 1950 in Niedersachsen geboren und wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Anna war bereits ihr drittes Kind, die beiden zuvor wurden kurz nach der Geburt abgegeben.

Ich erinnere mich auch noch, dass Christian, Annas Vater, am Abend ihres Verschwindens bei uns an der Tür klingelte. er klingelte alle Möglichkeiten durch, auf der Suche nach seiner Tochter. „der arme Mann“, sagte meine Oma. Über die Familienverhältnisse der Bachmeiers wurde noch nicht gesprochen. Anna sollte eigentlich zu Pflegeeltern.

Jener verhängnisvolle Tag wurde durch eine Kettenreaktion unglücklicher Umstände ausgelöst, ausgehend einer langen Kneipennacht zuvor.
An diesem 5. Mai schwänzte Anna die Schule, verschlief am Morgen und wollte gegen Mittag eine Freundin besuchen.
Die lebte nicht weit entfernt im „Hexenhaus“, so nannten manche Kinder dieses unheimliche Nachkriegsgebäude in der Warmstrasse. Das Haus war keine 400 Schritte vom „Tipasa“ entfernt. gegen Mittag ging sie nur kurz hinüber, wie sie es schon oft gemacht hatte. und weil die Mutter jetzt immer noch schlief.
Da die Tür zur Straße geöffnet war, ging Anna in den ersten Stock, um bei der Freundin zu klingeln. Doch Annas Freundin war nicht zu Hause, stattdessen wurde gegenüber eine Haustür geöffnet.


Klaus Grabowski, ein arbeitsloser, 35jähriger Schlachtergeselle und vorbestrafter Sexualstraftäter, war derjenige, der öffnete.


Doch davon ahnte am Abend niemand etwas. Marianne wusste noch nicht einmal, dass ihre Tochter versuchte, die Freundin zu besuchen. Stattdessen wurde überall nach Anna gesucht. Eltern, Freunde, Schulkameraden, alle suchten. Sie suchten in den Gassen, sie fragten unter den Obdachlosen, überall. Gegen 18:00 Uhr meldeten Annas Eltern schließlich die Tochter bei der Polizei als vermisst.
Zwischen Kanaltrave und Krähenteich schob ein Mann in gebückter Haltung sein Fahrrad, auf dem Gepäckträger ein erheblich großer Karton.

Abends gestand Grabowski dann seiner Verlobten, ein Kind umgebracht zu haben. Sie war schockiert, irrte durch die Stadt und offenbart sich schließlich einem Bekannten, der schließlich zur Polizei geht. Nach 23 Uhr öffnet die Polizei Grabowski Wohnung, niemand anwesend.
Auf dem Esstisch lag ein Brief an die Verlobte. Gefühlsduseleien mit Bitte um ein Treffen im „alten Zolln“, einer Kneipe.
So wurde Grabowski dann gegen 0:17 Uhr in besagter Kneipe festgenommen.

Bei der Kriminalpolizei fand die entscheidende Vernehmung dann am frühen nächsten Morgen statt. Grabowski gestand den Mord an Anna, nachdem er zuvor leugnete. er gab zu, das Mädchen erwürgt zu haben, weil er in Panik geraten sei, sie habe ihn erpresst. Anschließend habe er die Leiche in einem Karton auf seinem Fahrrad außerhalb Lübeck verbracht. „ich bin dann mit dem Ziel losgefahren, das Mädchen im Kanal zu versenken, ohne eine bestimmte Stelle im Auge zu haben.“, so Grabowski im Verhör. „in der Nähe der Schleuse bin ich dann abgestiegen und habe das Fahrrad an die Böschung gelegt. Ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich hatte einen völlig ausgetrockneten Hals und rauchte eine Zigarette. Ich hatte Angst dort sitzen zu bleiben. Habe dann das Fahrrad genommen und bin weitergefahren.“
Grabowski irrte mit Annas Leiche auf dem Gepäckträger bis nach Oberbüssau, einer kleinen Ortschaft, weit vor den Toren Lübeck.

An der Schleuse bei Oberbüssau fuhr Grabowski dann in den Ort. „Ich war noch immer in Panik und hielt es mit dem Karton auf dem Gepäckträger nicht aus.“, so Grabowski weiter. „An der von mir gezeichneten Stelle habe ich dann mit einem fest stehenden Messer, eine Art Fahrten Messer, eine Mulde gemacht. Dann habe ich das Mädchen aus dem Karton genommen und gefesselt in diese Vertiefung gelegt. Danach machte ich wieder notdürftig die Erde über sie. Darauf legte ich dann noch ein vorgefunden des Wagenrad.“
Die Polizei fand nach dem Verhör, wie wie von Grabowski beschrieben, Annas Leiche.

Die Bestätigung des Todes, die man den Eltern in dem kafkaesken alten Polizeirevier mitteilte, wurde bereits geahnt, versetzte beide aber in eine Schockstarre


Es folgen sechs graue Monate.


im Dezember wird dann John Lennon erschossen. Von einem Fan, wie es heißt. Marianne wird noch mehr gegrübelt haben. Vielleicht hat sie daran gedacht, dass eigentlich immer die falschen getötet werden. Das nie die erschossen werden, die es eigentlich verdient haben.

Am 6. März des folgenden Jahres kam es dann zum schicksalshaften dritten Verhandlungstag im Prozess gegen Grabowski. Eigentlich sollte die fragwürdige Hormonbehandlung erörtert werden, die Grabowski von einem Lübecker Arzt erhielt.

Bereits vor Verhandlungsbeginn traf Marianne Bachmeier im Saal auf Klaus Grabowski, der bereits an seinem Platz saß. Wie später in zwei Filmen geschildert, feuerte sie fünf Schüsse auf den geständigen Mörder ihrer Tochter Anna.
Sie gab später zu Protokoll, seine Lügen vor Gericht nicht weiter ertragen zu können. So gab er zuvor an, Anna hätte ihn um Geld erpresst, sie würde der Mutter erzählen, er hätte sie angefasst.
Grabowski starb noch auf dem Platz des Angeklagten. seine Verlobte, bekam einen Weinkrampf. Christian, Annas Vater, flippt im Gerichtsflur aus: „Sie hat es getan, sie hat es wirklich getan!“

Plötzlich stand Marianne im Rampenlicht europäischer Medien. Nach Annas Ermordung berichtete nur die regionale Presse. Die Mutter wurde zu einem lebendigen Symbol der Selbstjustiz, Doch die Diskussionen gerieten kontroverser. Die Öffentlichkeit schwankte zwischen dem Eindruck einer Heldin und einer aufmerksamkeitheischenden Rabenmutter. Anfang November 1982 kam es dann zur Mordanklage gegen Marianne Bachmeier.

Sechs Jahre Haft wegen Todschlags und unerlaubten Waffenbesitz.


Ein Mordvorwurf wurde fallen gelassen.


Es stellte sich die Frage, woher sie die Pistole für ihre Tat, eine italienische Pietro Beretta Gardone mit dem Kaliber 22, hatte. Ohne Seriennummer eine klassische Mafia Waffe. Angeblich gab es da Beziehungen zu gewissen Gastronomen in der Stadt, aber das waren nur Gerüchte, die man überhaupt nicht gerne hörte.

Bis heute erzählt man sich, dass im Keller des Tipasa sich noch Einschusslöcher von nächtlichen Schießübungen Mariannes in Wänden finden lassen. Doch selbst Profiler Axel Petermann machte sich schon vor Ort auf die Suche, fand jedoch nichts.

Marianne Bachmeier war bis 1985 in Haft und kam nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe auf Bewährung frei. 1994 erschien ihre Autobiografie: nach einer weiteren gescheiterten Ehe und zwei Jahren in Afrika ging sie schließlich nach Sizilien. italienische Freunde mieteten für Sie ein Haus in der Nähe von Palermo an, dort wurde sie verehrt.

Aufgrund einer Krebserkrankung kam Marianne Bachmeier dann Ende der Neunziger Jahre zurück nach Lübeck.
Sie wohnte mit einer Freundin in Lübeck-Eichholz und verbrachte dort ihre letzten Sommermonate. Der NDR Journalist Lukas Maria Böhmer begleitete sie mit der Kamera ihren letzten Wochen.
Schliesslich starb Marianne Bachmeier im September 1996 im damaligen Krankenhaus Süd, den heutigen Sana-Kliniken Lübeck.
Sie fand ihre letzte Ruhestätte im Grab neben ihrer Tochter Anna auf dem Burgtorfriedhof.

Auch wenn die Grabstätte von Marianne und Anna Bachmeier nicht mehr zu finden ist, sie sind heute unvergessen und ein Stück Lübecker Stadtgeschichte.