Es gab eine Zeit, da hatte Amsterdam etwas Unergründliches.

Etwas, das flimmerte und vibrierte – ein leicht psychedelisches Schimmern über den Grachten, das wir Heranwachsende als Freiheit missverstanden, als Versprechen einer anderen Wirklichkeit. In Amsterdam war möglich, was zu Hause nicht nur als unschicklich galt, sondern als Sünde, Vergehen, Tabu. Schon deshalb musste man hin.

Die Busse von Rainbow Tours waren unsere Vehikel der Verheißung. Man reiste gemeinsam – Schüler, Studenten, Freaks, Lehrer, Sozialpädagogen –, alle in der gleichen Erwartung getaktet, als wäre die Stadt ein kollektives Geheimnis. Niemand kam wegen des Anne-Frank-Hauses, niemand wegen der schiefen Fassaden. Wir suchten das andere Amsterdam – die halblegale Trance, die man sonst nirgends fand. Später, auf der Rückfahrt, zeigte sich, wie weitreichend die pädagogische Grenzerfahrung gewesen war: Lehrer und Verantwortliche torkelten kichernd durch den Gang, während wir, etwas ernüchtert, über die Verhältnisse nachdachten. Mitleidig vielleicht – oder einfach wissender.

Heute, mit mehr Abstand, bleibt dieses Gefühl: Amsterdam ist unersetzlich. Eine Stadt, die ihren Rausch nicht verloren hat, auch wenn ihr die Welt längst den Mythos abgekauft hat. Zwischen den Kanälen und Fahrrädern, zwischen Museumskassen und Coffee-Shops, hält sie noch immer den Geist der Unangepasstheit aufrecht – nur eben in musealer Form.

Der Spaziergang durch das Zentrum gleicht einem Labyrinthgang: Grachten, Brücken, enge Häuser, gelegentlich das Aufblitzen des Wassers zwischen Spiegel und Stein. Irgendwann landet man zwangsläufig vor dem Anne-Frank-Haus, wo der Tourist in die Demut gelenkt wird. Dagegen ist nichts zu sagen, nur dass man sich fragt, ob Gedenken in Warteschlangen funktionieren kann.

Das Rotlichtviertel, „De Wallen“, wirkt inzwischen wie eine Karikatur des eigenen Rufes – schmuddelig, überbelichtet, ein Schatten des libertären Versprechens. Vielleicht ist es bezeichnend, dass man dort besser nicht tut, was alle tun.

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Amsterdam mag gemütlich erscheinen, ist aber von einer latenten Rastlosigkeit durchzogen – eine Stadt auf Durchreise, logistisch, global, von Geschäften und Schmuggeln durchzogen. Vielleicht ist das ihr Geheimnis: Sie weiß um ihre dunkle Seite und versteckt sie nicht.

Und wer den Überblick sucht, steige lieber ins Boot. Über die Wasserlinien der Stadt zu gleiten, ist noch immer der vernünftigste Weg, sie zu begreifen – langsam, kreisförmig, auf schmaler Spur zwischen Geschichte, Alltag und Illusion.


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