Manche Begegnungen, mögen sie noch so nebensächlich und oberflächlich gewesen sein, prägen ein ganzes Leben.
Da war etwa die Familie Fey, die berühmte Puppenspieler-Dynastie aus dem Lübecker Kolk, die ich kannte und denen ich immer wieder in meinem Leben begegnet bin.
Der Kolk in Lübeck, am Fuße der St. Petri-Kirche, ist ein kulturhistorisches Zentrum des Figuren- und Puppenspiels: ein Puppentheater und ein Museum für Figuren- und Puppentheater hinter denkmalgeschützten Backsteinfassaden als Symbiose aus darstellender Kunst, globaler Sammelleidenschaft und ethnologischen Forschungsanspruch.
Geschaffen von dem Theaterpionier Fritz Fey und seinem Sohn, Fritz Fey junior, dem weltweiten Sammler von Theaterfiguren, Requisiten, Exponaten.
sSchließlich zog er, als es dann so weit war, als Puppenspieler mit einer mobilen Handpuppenbühne, mit Pferd und Wagen, über Land durch Norddeutschland.
1947 gelang es ihm dann, sein Ensemble konsequent auf Marionetten umzustellen. Als „Niederdeutsche Puppenspielkunst“ wollte Fey nun langfristig eine feste und verlässliche Heimstätte für anspruchsvolles Puppenspiel entwickeln, das war sein Ziel.
30 Jahre sollte es dann doch noch dauern, bis sich dieser Traum für den Puppenspieler und sein Publikum erfüllen konnte. Mit tatkräftiger Unterstützung der Lübecker Possehl-Stiftung, Kommunalpolitikern und privaten Spenden konnte Fey im April 1977 ein saniertes Altstadthaus im Altstadtquartier Kolk beziehen und als „Lübecker Marionettentheater“ eröffnen.
Unzählige Lübecker Kinder wurden von Feys Puppenspiel geprägt.
Auch ich habe als sechs- oder siebenjähriger unzählige Stunden im Theater am Kolk verbracht. Für mich begann meine Theatererfahrung genau dort. Zwischen Puppentheater und „echten“, also Texttheater, bestehen dramaturgisch nur sehr geringe Unterschiede. Ich finde deshalb, dass der Schauspieler auf Bühne und Bildschirm ein Zwilling des Puppenspielers ist. Das ist aber nur eine Meinung.
Damals, als Kind durfte ich dann nach ein paar Vorstellungen einen Blick hinter die Bühne des Puppentheaters werfen. Die Marionetten hingen da leblos an den Gestellen vor den Hintergründen im fahlen, künstlichen Licht. Besonders der Storch, gänzlich leblos, wie tot.
Es war ein Schock. Ich begriff, dass Bühne Illusion war – was aber der Liebe zum Theater keinesfalls Abbruch tat.
Mit Puppenspiel wuchs unsere Generation in den siebziger und Achtzigerjahren auf, es lag im Trend. Ob „Muppet Show“ oder „Augsburger Puppenkiste“ – wir hatten unser „Lübecker Marionettentheater“ und waren stolz darauf.
Der alte Fritz Fey, der immer irgendwo zu sehen war, kam mir wie Geppetto, dem Vater von Pinocchio, vor. Er erinnerte mich als Kind an den Puppenschnitzer aus dem Zeichentrickfilm und wer weiß, dachte ich damals, vielleicht funktioniert das mit der geschnitzten Puppe, die zum Leben erweckt wird, auch ein zweites Mal?
Mein Opa, den ich in der Zeit zwischen Kindergarten und Schule häufig bei seinen Versorgungsgängen in die Altstadt begleitete, traf Fey eines Tages bei Hans Alm, dem Drogisten in der Holstenstraße. Dass dieser Mann, den ich für Geppetto hielt, den Puppen auf andere Art Leben schenkt und er sogar ganze Welten gestaltet, ahnte ich nicht mal ansatzweise. Die beiden unterhielten sich, ich glaube, es ging um seinen Sohn.
Fritz Feys Sohn, der junge Fritz Fey junior, wirkte im Hintergrund, auf der anderen Seite der Gasse, wo er 1982 sein „Museum für Figuren- und Puppentheater“ aufbaute.
Als Kameramann für den Norddeutschen Rundfunk bereiste er jahrzehntelang den gesamten Globus und sammelte auf seinen Dienstreisen Exponate zum Thema Puppen und Figurentheater. Schrittweise trug der junge Fritz Fey, der buchstäblich mit der Theaterkunst seines Vaters aufwuchs, eine Sammlung weltweiter Puppenspielkunst
Fey jun. Stöberte auf Flohmärkten und kaufte historische Nachlässe auf. Es gelang ihm unter anderem Reste des berühmten Theaters der Dynastie Winter und Schichtl zu finden und für sein Museum zu kaufen. Zu seiner Sammlung gehören Marionetten, Stock- und Schattenspielfiguren, historische Bühnenbilder, Drehorgeln und einen Schaustellerwagen.
Nur neun Jahre gestaltete und wirkte der Vater für sein Theater und seine Puppen im Kolk. Wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn war und ob die Sammelleidenschaft vielleicht zu diesem Verhältnis der Schlüssel war, weiß ich als Außenstehender nicht. Mit dem Museum seines Sohnes entwickelte und etablierte sich eine kulturhistorische Symbiose, mitten in der Altstadt Lübecks.
Nach dem Tod des Seniors im Jahre 1986 managte und leitete seine Frau Ingeborg das Haus und den Spielbetrieb weiter. Mit großem Erfolg und im Sinne des Gründers.
Mitte der Achtziger tauchte ich im Museum im Kolk auf und heuerte in den Sommerferien als so eine Art Werbemaskottchen an. Meine Aufgabe bestand darin, mit einer kleinen Truppe in der Breiten Straße, der Fußgängerzone, vor dem Rathaus, mit Flugblättern und Drehorgel auf das versteckte Museum am Fuße der St. Petri-Kirche aufmerksam machen. Dazu wurden wir von Maren, einer Älteren mit Zöpfen, die das Ganze organisierte, geschminkt, was ich für absolut unnötig hielt, da ich ohnehin einen Zylinder trug.
Da ich vertrauenswürdig schien, entwickelte sich diese Tätigkeit zu einem Dauernebenjob: Ich war auch dafür zuständig, abends die Hinweisschilder an der Obertrave und an der Holstenstraße einzusammeln. Manchmal stand ich auch alleine, mit der Drehorgel auf der Breiten Straße herum, mit einem großen Schild mit dem Logo und Schriftzug des Museums. Ein alter Zylinder auf der Orgel war für Spenden, die mir aber nicht zustanden. Dafür gab es einen Stundenlohn von zehn Mark und meistens kam ich locker auf sechs Stunden am Tag, manchmal auch auf mehr. Ein feines Taschengeld, da interessierte mich der Zylinder nicht.
Meistens waren wir aber eine bunte Truppe mit Drehorgel, Marionetten und einige Male war auch Harry Hockauf dabei. Der versuchte dann so eine Art Straßentheater, was mit unseren Leuten aber nicht klappte. Die hielten das für Bettelei und meuterten. Man wäre für Public-Relations eingestellt worden, das heißt: Flyer verteilen. Mehr nicht.
Harry hielt dann dagegen. „Du musst mir nicht die Straße erklären!“
Wir waren keinesfalls die einzigen, die in der Fussgängerzone Reklame machte. Während wir auf überwiegend im Wechsel feste Standorte bespielten, lief ein Junge mit Brille in einem Jacket und Kapitänsmütze mit einem Holzplakat auf einer Stange ständig die Fussgängerzone herauf und herunter. Der hiess Walter und sah aus wie Waldo aus den Wimmelbildbüchern. Walter machte Werbung für den Mississippi-Damper vor dem Holstentor, auf der es die Überseesammlung von Kapitän Kasten, einem echten Abenteurer zu besichtigen gab.
Der König der Breiten Strasse war aber unangefochten Ernst Jeromin, der offizielle Stadtausrufer Lübecks.
Als es einmal regnete, erklärte mir Walter, dass er diesen Job nur machen würde, weil er darum gebeten wurde. Er selbst hätte sich von sich aus nie für so etwas beworben. Mich konnte man mit solchen Angebereien noch imponieren. Er würde das nicht mehr lange machen, wenn ich interesse hätte, könne er mich ja als seinen Nachfolger „in Stellung“ bringen. Über die „Ablöse“ würden wir uns dann noch einig werden. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber durchaus Interesse an seinem Job.
Was waren das für schöne Sommer. Meine Einnahmen investierte ich in eine Sammlung Swatch-Uhren.
Fritz Fey junior war ein blonder, drahtiger Mann, der, wenn er mit mir sprach, mich eigentlich überhaupt nicht wahrnahm. Er wirkte fahrig, nervös und sprach immer etwas abgehackt. Vielleicht war er ja auf die Distanz der Kamera angewiesen, dachte ich und es machte mir nichts aus.
Ein Running Gag war immer, wenn er irgendwelche Damen, die sich da in sein Museum verirrt haben, gerne nach ausführlichen höchstpersönlichen Führungen noch auf „einen Capucchino“ eingeladen hat, selbstverständlich, soweit ich es erlebte, immer gentleman-like.
Meine Oma erzählte mir, dass es Fey junior nicht leicht gehabt haben soll. Er ist wohl Bauer oder Gärtner gewesen sein, bevor er als Kameramann entdeckt und gefördert wurde. Für mich war das Tratsch, deshalb hörte ich nicht genau hin.
Aber das mit dem Kameramann fand ich interessant, weil doch mein Onkel und Patenonkel beim Norddeutschen Rundfunk Kameramann war. Sogar Filme mit Heinz Rühmann fotografierte Frohwalt, aber zu dem hatte ich gänzlich keinen Kontakt, den konnte ich nicht über Fritz Fey junior befragen. Und Herrn Fey fragte ich auch nicht nach meinem Onkel Frohwalt, ob die sich beide eventuell kennen würden, oder so etwas in der Art. Das traute ich mich nicht.
Ich kann mich übrigens heute überhaupt nicht mehr daran erinnern, wie ich damals an diesen Job gekommen bin. Ich weiß nicht, ob ich da nachgefragt habe, oder ich von irgendjemandem gefragt wurde. Rätselhaft.
In meinen letzten Wochen für das Museum für Figuren- und Puppentheater stand ich wochenlang für drei bis vier Stunden am Tag mit einem überdimensionalen Hampelmann, das Symbol des Museums, mitten in der Breiten Straße.
Dieser Hampelmann war fast doppelt so groß wie ich selbst und bestand aus einer lackierten Sperrholzkonstruktion mit schweren Metallklammern und Scharnieren. Über einen Strick konnte ich den Hampelmann schwerfällig hampeln lassen, um in der Menge dezent auf mich aufmerksam zu machen. Dazu sollte ich dann möglichst freundlich lächeln, was aber immer nach längerer Zeit in dämliches Grinsen wandelte.
Meine Verkleidung bestand aus einem albernen Harlekin-Kostüm, mit Mütze und ich war entsprechend geschminkt. Wie demütigend.
Wenn ich mit der Drehorgel unterwegs war, reichte wenigstens eine Weste und der Zylinder, weshalb mir die Drehorgel wesentlich lieber war. Aber irgendjemand hatte die Drehorgel nicht unerheblich beschädigt und Herr Fey gab die Orgel seitdem nicht mehr heraus, nicht mal mir. Obwohl ich die Maschine einwandfrei bedienen konnte. So zog ich mit meinem Hampelmann die Holstenstraße hoch, zur Breiten Straße hinauf und stellte mir vor, ein Kreuz zu tragen. Jesus.
Zu meinem Glück ließ das Ende mit Schrecken nicht lange warten: Da waren zuletzt diese Touristen, ich glaube, es waren Schwaben, die mit mir als Harlekin offenbar Mitleid verspürten und ein Eis spendieren wollten.
So etwas kam gelegentlich vor. Manchmal lehnte ich freundlich ab, andere Male konnte ich nicht anders. Meistens wurde mir eine Tüte Eis einfach in die Hand gedrückt, was immer auf unbekannte Weise funktionierte, aber doch eher umständlich und lästig war.
Doch dieses eine Mal sollte ich mir aber selbst mein Eis zusammenstellen, gegenüber bei Niederegger und ich war so empfänglich wie leichtsinnig.
Ich stellte, vielmehr ich lehnte also meinen Hampelmann direkt an die Fassade der Renaissancetreppe. Doch kaum hatte ich meinem Kollegen den Rücken zugewandt, fegte ein ordentlicher Windstoß das Holzgestell von der Wand, mit Lärm knallte der Hampelmann – ich konnte es in Zeitlupe sehen – auf den Asphalt der Breiten Straße.
Aufregung! Was für ein Glück, dass niemand in der Flugbahn stand und keiner verletzt wurde! Außer meinem Hampelmann.
Ein Glöckchen am Kragen sowie die linke Hand sind abgebrochen. Scheiße! Das würde Ärger geben, soviel ist sicher.
Eine Art Schockstarre setzte ein.
Ich nahm die Bruchstücke auf und setzte den Rückzug an.
Der traurige Harlekin räumte die Bühne.
Für mich war klar, dass die PR-Karriere an dieser Stelle zu Ende war. Ich fand, dass zwei oder drei Jahre lang genug waren und jetzt Zeit und Gelegenheit bestand, mal etwas Neues zu machen. Vielleicht wäre ja der Job auf dem Mississippi-Dampfer frei?
Was dann im Museum war, weiß ich nicht mehr im Einzelnen. Ob es Ärger oder Geschrei gab – daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß aber noch heute, dass mir allerdings alles sehr peinlich und unangenehm war. Ich weiß nicht, ob ich an diesem letzten Tag dann noch von Fritz Fey junior bezahlt wurde, auf jeden Fall war ich abends froh, wieder zu Hause zu sein. Gekündigt habe ich diesen Job übrigens bis heute nicht. Ich bin einfach nie wieder hingegangen.
Meine Oma fand es dann überraschenderweise „unerhört“, dass man einen dreizehnjährigen mit solch einem Holzungetüm in die Breite Straße stellt. Unverantwortlich. Das besänftigte immerhin mein schlechtes Gewissen, das ich gegenüber Herrn Fey junior hatte.
Viele Jahre später bin ich dann wieder mal in das Museum gegangen. Ich war mir sicher, Herr Fey würde mich überhaupt nicht mehr erkennen, da er mich ja damals auch nie richtig wahrgenommen hat.
Ich sprach ihn dann doch auf den Hampelmann und meine Assistenz über all die Monate an, ich war einfach neugierig, ob er sich noch an mich erinnern könnte. Er verneinte, gab dann aber ganz beiläufig und abwesend wie immer zu, sich noch an „so einen kleinen Idioten zu erinnern, der zu blöd war, den teuren Hampelmann vernünftig abzulegen. Einfach auf den Boden zu legen!“, womit er natürlich vollkommen recht hatte.
Fritz Fey junior ist in den Siebzigerjahren Kameramann geworden, nach einer Auszeit in der Schweiz. Da war er dann schon viel auf Reisen und in Italien stieß er dann zufällig auf eine Holzpuppe mit Charakter, das war dann wohl der Moment, in dem ihn die Sammelleidenschaft gepackt hat.
Fey junior und seine spätere Frau Saraswathi, eine indische Tänzerin, bauten die Sammlung professionell zu einem Museum aus. Ein Museum mit Weltruf und fachlicher Expertise.
2006 kam es dann zum vorläufigen Aus für das Puppentheater. Ausgerechnet. Im UNESCO-Weltkulturerbe eine delikate und unangenehme Sache von lokalpolitischen Interesse.
Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich schwierig.
Zufällig geriet ich gerade wenige Jahre vor dem Ende des Lübecker Puppentheaters wieder in den Kolk. Dieses Mal in der Nacht, eher unauffällig und in meiner damaligen, kurzzeitigen Nebentätigkeit als Wachmann für ein Sicherheitsunternehmen. Mein nächtlicher Weg im Streifendienst führte mich auf der Innenstadttour stets zur Kontrolle des Puppentheaters. Ich verfügte über einen Schlüssel, patrouillierte durch das Haus, hielt einige Male im Zuschauerraum vor der Puppenbühne inne, die ich sofort wieder erkannte und mich wunderte, weil mir der Raum als Kind viel größer vorkam.
Eine besondere Anweisung besagte, dass man sich im Gastrobereich einem Kaffee genehmigen und pausieren dürfe. Das galt natürlich nicht mir, sondern der Person des Wachmannes, aber ich freute mich trotzdem. Ein netter Gruß von Frau Fey, bildete ich mir ein. Weihnachten lag sogar eine Grußkarte und zwei Karten für eine Vorstellung beim Kaffee. Ich weiß nicht mehr, ob wenigstens meine damals kleine Tochter etwas von den Karten hatte; ich bin auf jeden Fall nicht hingegangen, was mich jetzt fürchterlich ärgert, denn das war der letzte Kontakt mit der Dynastie Fey, das hätte ich schon ahnen können. Ein, zwei Jahre später war dann Schluss.
Das Museum wurde in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt, deren alleinige Trägerin die Lübecker Possehl-Stiftung ist.
2011, nach dem Tod von Ingeburg Fey, nutzen verschiedene Ensembles das Theater, die Stiftung übernahm die gesamte Sammlung Fey, um sie dauerhaft für die Öffentlichkeit zu sichern.
Schließlich wurde 2021 aus dem Lübecker Puppentheater „Kolk17 – Figurentheater und Museum“ – ein Zusammenschluss des neuen TheaterFigurenMuseum mit dem Kobalt Figurentheater, das mit Stephan Schlafke als Figurentheater-Direktor das Haus übernommen hat. Es galt, einen „architektonischen und strukturellen Befreiungsschlag“ zu vollziehen.
Das klingt nach progressiv und woke. Doch wo bleibt da Fey? Die Kritiker rügen hinter vorgehaltenen Hand das Erbe der Puppenspieler-Dynastie. Tatsächlich sollen zahlreiche Retrospektiven zu den eigenen Ursprüngen geplant sein.
Schlafke ehrt Fey senior als Förderer des Puppenspielernachwuchses und Wegbereiter für das norddeutsche Figurentheaterzentrum.
„Kolk17“ will aber nichts fortsetzen, sondern etwas Neues und Eigenes schaffen.
Als fast revolutionär wird das Vorhaben erklärt, alle Sammlungsobjekte digital zu erfassen, um eine genaue Herkunfts- und Provenienzforschung betreiben zu können. Dabei sollen transparent alle globalen Objektbiografien und Herkunftsgeschichten aller außereuropäischer Objekte untersucht werden. Was eigentlich unter Digitalisierung bei allen Kulturinstitutionen mittlerweile üblich ist, sorgt bei einigen Lübeckern für Mißtrauen und Gerüchte. Angeblich sei es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Museumsgründer und seinen Nachfolgern gekommen. Die Herkunft vieler Exponate sei unklar, die Ursprungsdokumentation mangelhaft. Außerdem sei der Erwerb oft „schleierhaft“. Angeblich wurden vor Jahrzehnten durchaus mal Stücke der Sammlung aus Afrika und Asien am Zoll vorbei als Filmmaterial deklariert.
Böse Zungen behaupteten, dass man einige Stücke zuückgeben wolle, sozusagen als Restitution. Um damit die kulturhistorische Sammelleidenschaft als spätkoloniale Kultur-Safari zu verhetzten. Gerüchte, die niemand in Lübeck vertiefen will. Warum auch.
Im Dezember 2017 begannen die aufwendigen Baumaßnahmen im Kolk. Unter Einbeziehung der Nachbargebäude wurde das einst historische Bauensemble völlig entkernt und „neu geordnet“. Dadurch entstand in den Gebäuden Kolk 20-22 ein neuer Museumsbereich, gegenüber, in Kolk 14-18 in einem gänzlich neu gebauten Eckgebäude der Theaterbereich mit „hochmodernen Theatersaal“ für rund 120 Zuschauer. Nach Jahren des Umbaus dann die Eröffnung im März 2025.
Die Enttäuschung war groß und hat sich bis heute nicht ganz gelegt. Der gesamte historische Charakter des Kolk ist zerstört. Insbesondere der neue Museumsbau macht sich wie ein kafkaesker Betonblock, mit großen Fenstersplittern und bunkerartigen Dimensionen. Traurig.
Dem Fritz Fey junior bin ich dann zuletzt vor einigen Monaten zufällig eines Tages, ich glaube, es war bei IKEA, über den Weg gelaufen. Ich hatte ihn mit seiner Frau Saraswathi, die übrigens an seiner Sammlung und dem Museum maßgeblich beteiligt ist, sofort erkannt. Ich sah doch betagter aus, als ich ihn in Erinnerung hatte und wie ich ihn einschätze, hat er sich mit der Neuen Welt im Kolk arrangiert.
Ich glaube, ich nickte ihm zu; leider war ich aber wieder zu feige, ihn einfach mal zu fragen, ob die Gerüchte stimmten. Ich hätte gehört, wie zuvor erwähnt, es seien ausdrücklich Gerüchte, dass es Streit um seine Privatsammlung gab, Begehrlichkeiten, und ob es stimmen würde, dass er, mittlerweile schon hochbetagt, immer noch auf Sammler-Safari geht, um in den abgelegensten Winkeln der Erde nach Relikten des Puppenspiels zu suchen?
Ich hatte ihn aber nicht gefragt und vielleicht geht es mich ja auch nichts an und er hätte mir überhaupt dazu geantwortet.
Immerhin sollen die Inszenierungen des „neuen“ Puppentheaters analog bleiben. Was macht das schon?
Statt den klassischen und historischen Figuren von Fritz Fey senior und anderen Künstlern, belegen moderne Figuren die Fenster des Kolk. Muss ja nicht schlecht sein.
Wichtig ist immer, wem die bleibenden Denkmäler bleiben. Und wer die Denkmäler aufstellt. Um dahinter zu blicken und die falschen Denkmäler zu erkennen.
Für mich ist die Ära des Puppenspiels im Kolk Geschichte und vorbei. Aber das ist ja nur eine persönliche Ansicht. Vielleicht haben ja die Kinder von heute und kommender Generationen an eher modernen, künstlerischen Puppen und Figuren, aus Toilettenrollen und Mülltüten. Wäre doch schlimm, wenn alle dieselben Geschichten erleben müssen.
Der Kolk und die Dynastie Fey bleibt eine Erinnerung, die Denkmäler müssen andere aufstellen.
