G. lagen derartige Gedanken fern, er befand sich auf dem Olymp seines Schaffens, wurde geschätzt und geehrt mit dem größten Literaturpreis, den die Welt zu vergeben hat. Er hat sich alles andere als kommod in seiner Welt eingerichtet, galt mittlerweile als Universalkünstler und verstand es geschickt, neben seinen Büchern auch eigene Bilder und Skulpturen zu vermarkten, Synergien zu nutzen. Dass alles mit Erfolg, wohlgemerkt, nur manche Lästerer meinten, da hätte einer seinen Mephisto gefunden.
Die Medien und die Öffentlichkeit begannen sich mehr und mehr für den Menschen hinter dem Werk zu interessieren. Doch Fragen zu seiner Person störten, Fragen zu seinem Werk hingegen erfreuten ihn.
Nicht nur die Beule auf seinem Kopf erinnerte ihn an die Vergangenheit. Sein gesamtes Werk war auf die dunkelsten Jahre, jener Chiffre 1945, ausgerichtet, dem Verlust seiner moralischen Heimat in Gestalt des untergegangenen Danzig, welches er in seinen Büchern beschwor. Seine Erfahrung war reich und sein Standpunkt eindeutig. Er wurde zu einer glaubwürdigen Instanz. Bei mutigen Fragen zu seiner ganz persönlichen Verantwortung konnte sich G. mit Hinweis auf sein Geburtsjahr und dem dadurch eher zufälligen Verdienst, unbelastet zu sein, zurücklehnen. Doch es ging ihm nicht nur darum, die Geister der Vergangenheit zu beschwören. So steht er schließlich unter einem Regenschirm und einer Mütze im regnerischen Mutlangen und liest aus dem Buch einer Kollegin. Die überaus wichtige Presse wird genauso wichtig ignoriert, er blickt in keine der Fotografenkameras, sondern stellt sich zur Verfügung als ein Symbol des Widerstands gegen die geplante Stationierung von einhundertundacht amerikanischen Pershing-II-Raketen und sechsundneunzig Cruise Missiles, ungeachtet der Tatsache, dass nicht die Amerikaner, sondern ihre östlichen Gegenspieler mit diesem verflixten „Wettrüsten“ begonnen haben. War sie wieder da, seine Unfähigkeit, zwischen Schwarz und weiß unterscheiden zu können? Widerstand, so erklärt G. überzeugt, sei das Gebot der Stunde, von einer Befehlsverweigerung über den einfallsreichen Protest bis hin zum Generalstreik gebe es viele Möglichkeiten in Orwells Jahrzehnt, den großen Brüdern das Regieren schwer zu machen. Warum nur, könnte man da fragen, hat er das erst jetzt verstanden und nicht schon 1937, als die jüdischen Händler vom Markt in Danzig, in Langfuhr und Zoppot vertrieben wurden? Oder als Studienrat Oswald vom Gymnasium nicht mehr in der Schule auftauchte, weil er ins Konzentrationslager Stutthof verbracht wurde. Doch niemand hatte je nach ihm gefragt, auch nicht G., sein Schüler. Wo war damals der Widerstand, wo die Befehlsverweigerung, der Protest?
Bereits Anfang der sechziger Jahre knüpft O. Kontakte zu den Demagogen, Ewiggestrigen Zeitzeugen und rechtsradikalen Parteien. Er lässt sich einbinden in diese Netzwerke, drängte sich förmlich auf und wurde zu einer Art Stützpunkt der Szene. Das Antiquariat in der Lübecker Altstadt war seit den achtziger Jahren für Neonazis und Rechtsextremisten in Norddeutschland eine bekannte Adresse, der Fotokopierer im Hinterzimmer rotierte, um die verlogenen Fragmente des Hasses zu produzieren. Wöchentlich wurden diskret verpackte Auslandssendungen geliefert, die NS-Propaganda enthielten, die dann gemeinsam mit seinen Rundbriefen an einen ausgewählten Personenkreis in der gesamten Region von Hamburg bis Kiel verteilt wurden. Stunden verbrachte O. damit, seine Adressaten auf Hunderten von Karteikarten zu verwalten. Computer und Internet lagen ihm fern, er pflegte seinen konspirativen Vertrieb mit begeistertem Eifer und völlig befriedigt von der Erkenntnis, sich stets selbst treu geblieben zu sein.
Und er war von der Moral seines Sendungsbewusstseins völlig überzeugt, wähnte sich selbstverständlich auf der Seite der Guten. Ahnte er nicht manchmal, in ganz seltenen Momenten, zu irren? Erkannte er nicht die Lügen in seinen Hetzschriften, die Widersprüche und Fälschungen der braunen Ideologie? Vielleicht wollte er es nicht erkennen, vielleicht konnte er es auch nicht.
Man weiß es nicht.
Gegenargumente überhörte er routiniert, was er nicht wissen wollte, das wusste er ganz einfach nicht. So interessierte sich O. auch nicht dafür, was da genau die kahlgeschorenen Jugendlichen machten, die sich nachmittags in seinem Laden herumdrückten, sich mit Zeitungen, Magazinen und Propaganda eindeckten. Sicher trinken sie abends Bier, dachte sich O. vielleicht. Konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Neonazis, nachdem sie sich in irgendeiner Wohnung betrunken hatten, aggressiv loszogen und Propaganda-Aktionen durchführten? Dass sie dabei dann nicht selten zufällige Opfer verprügelten und seltener sogar Brandanschläge verübten?
Eines Tages wurde schließlich auch G. Opfer eines solchen Propaganda-Anschlages, als eines Morgens nämlich ein schwarzes Hakenkreuz entdeckt wurde, gesprüht an der Hauswand neben dem Eingang seines Kunst-Zentrums, dazu noch spiegelverkehrt. Ein unverkennbares Zeichen an eine eindeutige Adresse.
G. klagte öffentlich an.
— Unvollständiger Probetext —