Eigentlich wollte ich ursprünglich nicht über Hartmut schreiben, sondern über Lübecker Chöre.
Aber eigentlich hatte ich aber überhaupt keine Lust, über Chöre in Lübeck schreiben und damit natürlich wieder den Erwartungen der auftraggebenden Redaktion gemäß etwas mit Bezug auf Thomas Mann zu liefern.
Zu entscheidenden Zweck der Recherche konnte ich aber die Gelegenheit ergreifen, mir mehrere Chorproben in der Lübecker Marienkirche – von hinten – anzusehe. Also „Backstage“, hinter den Kulissen. Und dabei fiel mir Hartmut, von einigen auch „Hardy“ genannt, auf. Wobei ihn nur die Gedankenlosen „Hardy“ nennen, denn dieser Kurzname passte nun überhaupt nicht zu dieser Existenz. Denn auch ich war mir am Anfang nicht darüber sicher, um was es sich bei Hartmut für einen Menschen handelt oder ob er nicht vielmehr eine rafiniert kontruierte Maschine war, so seltsam erschien er mir.
Der Mann funktionierte tadellos. Nicht nur musikalisch lieferte es stets dieselbe Qualität ab, auch die Performance; seine Bewegungen, Gesten, Pausen, Blicke – immer exakt dasselbe Programm. Absolut zuverlässige Leistung. Auf stets derselben Position und unter den möglichst selben Voraussetzungen. Denn sobald irgendetwas anders, als gewohnt war, geriet Rudi unter Druck und außer Kontrolle. Während einer dieser Proben meldeten sich gleich sechs Sänger des Chores krank, so das die Reihenfolge der Aufstellung zum Einsingen erheblich verändert wurde und sich Rudi plötzlich nicht mehr, wie sonst gewohnt, vom Chorleiter aus gesehen in zweiter Reihe links, sondern plötzlich zu vorderster Reihe ganz rechts wiederfand. Was dazu führte, das er keinen einzigen Ton mehr herausbrachte, weder beim Einsingen, noch während der gesamten folgenden Probe.
Wenn aber die gewohnte Umgebung, also das „Set“ stimmte, funktionierte auch das „Setting“ von Rudi. Er lieferte wie geprobt alles in feinster Perfektion ab. Rudi war zuverlässig.
Vor Chorproben und anderen Verabredungen erschien er meistens stets eine Stunde vorher. Der Küster der Marienkirche, der mir bereitwillig Zugang über das Gewölbe des Chores verschaffte damit ich fotografieren konnte, behauptete, wenn man sich mit Rudi in der Stadt verabredete und den Termin vergaß, würde Rudi noch zwei Tage später an der verabredeten Stelle warten.
Hartmuts Problem war also nicht die Unzuverlässigkeit, sondern die Flexibilität der garantierten Zuverlässigkeit.
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