Der Fall Bachmeier, 1. Teil
Annas Geschichte
Im Jahre 1980 war der deutsche Bundeskanzler noch Helmut Schmidt, in Karlsruhe hatten im Januar linke und ökologische Gruppen die Partei „Die Grünen“ gegründet, die Sommerzeit wird wieder eingeführt und für John Lennon hat das letzte Jahr seines Lebens begonnen. In der Danziger Leninwerft eskaliert ein Streik, aus dem schliesslich die Gewerkschaft Solidarnosc hervorgeht; Bob Marley gibt sein letztes Konzert; der amerikanische Filmschauspieler Ronald Reagan gewinnt die Präsidentschaftswahlen.
Bernd Belling, ein Polizeischüler aus Kiel, sollte an diesem Montag ein Praktikum bei der Lübecker Kriminalpolizei anfangen. Er hatte Glück, denn sein Bruder Matthias wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihn an seinem ersten Tag nach Lübeck zu fahren. Matthias Belling, ambitionierter „Berufsfotograf“, wie er betonte, benötigte für seine Mappe Serienaufnahmen – was lag da beim Stichwort „Lübeck“ näher, als eine Serie von Aufnahmen beeindruckender Backsteinbauten. Am frühen Morgen parkte Matthias seinen Citroen auf einem Parkplatz zwischen Dom und der Oberschule. Bernd Belling hatte das Glück, ein Zimmer in der Musterbahn mieten zu können, dort gab er dann auch erstmal kurz sein Gepäck ab, ehe er sich, zu Fuss, vom Dom über die Wallanlagen zu seiner neuen Dienststelle, im „Behördenhochhaus“, aufmachen wollte. Kurz zuvor hörten die Brüder noch gemeinsam eine kurze Meldung im Autoradio: An diesem 5. Mai 1980 wird in einer konspirativen Wohnung in Paris die RAF-Terroristin Sieglinde Hofmann festgenommen…“
Doch es ist nicht die einzige Verhaftung. In Lübeck kommt es an diesem Tag zu einem abscheulichen Verbrechen, dass bereits zum Morgengrauen des nächsten Tages gestanden und aufgeklärt sein wird. Ein Verbrechen, dass zu einer weiteren, wesentlich spektakuläreren Tat führen wird – davon jedoch ahnen die Bellings zu diesem Zeitpunkt noch nichts.
“Laß mich in Ruhe – siehst Du nicht, dass ich schlafe?“
„Mama – ich muss in die Schule. Du hast vergessen, meine Jeans zu flicken. Siehst Du, das Loch ist immer noch da! Was soll ich denn jetzt anziehen? Mama?! Schläfst Du etwa wieder…?“
„Laß mich jetzt endlich in Ruhe! Hörst Du Anna? Geh´ doch rüber zu Tante Lenchen und frage sie, ob sie dir deine Hose flickt…“
Tante Lenchen aber schlief an diesem Morgen auch etwas länger, als sonst. Die alte Dame hörte nicht, als Anna an die Tür ihres Altstadthauses klopfte.
Fillip drehte mit seinem klapprigen Damenrad einige Runde auf der Wiese am Krähenteich. Es war eine geliebte Gewohnung, am Morgen sehr früh aufzustehen und einfach durch die Stadt zu fahren. Anschließend war man fit, wußte was los war und gehörte zu den allerersten.
Fillip wohnte seit einiger Zeit in einem besetzten Haus in der Hüxstrasse. Ein Haus, das als „Alternative“ in Lübecker eher berüchtigt als berühmt war. Er konnte jedoch nicht wählerisch sein und war einfach froh, ein Dach über den Kopf zu haben, nachdem kürzlich die Idee mit dem Boheme-Treff gründlich ins Wasser gefallen ist. Wobei er an dieser Idee immer noch festhält und rätselt, weshalb die Sache mit dem „Wolkenstein“ scheitern musste – lag es an den Umständen, der Zeit, der Ausführung; oder aber an allen Faktoren gleichzeitig?
Vielleicht lag es aber auch an Marianne, die mit dem „Wolkenstein“ ein linkspolitisch-künstlerisches Zentrum in Lübeck etablieren wollte, die aber mit allen anderen wie sich selbst unbarmherzig und verhärtet umging, sich immer im Mittelpunkt inszenierte und die sich selbst am meisten im Wege zu sein schien. Die einfach erbarmungslos ihre Ziele verfolgte, dabei die Interessen ihrer Mitarbeiter völlig vergaß und dadurch nicht besser war, als jene, von denen man sich doch unterscheiden wollte. Die ausbeuteten, weil es um Geld ging. Marianne beutete sich und andere aus, weil es um „die Sache“ ging. Eine unklare Kulturrevolution, von denen keine eine Ahnung zu haben schien, wie die aussehen sollte.
Gerade, als die Wut größer wurde, entschloss sich Fillip zurück in die Hüxstrasse zu fahren. Kaum drehte er sein Gefährt um und steuerte auf den Uferweg zu, als er von weiten Anna erkannte, die oben, von der Rehderbrücke aus auf ihn zu steuerte. „Fillipo“, rief sie, nachdem auch sie ihn erkannt hatte, „Fillipo, warte!“.
Anna war die Tochter von Marianne, mit der gemeinsam Fillip vor rund einem Jahr die Kneipe „Wolkenstein“ in der Königstrasse führen wollte.
„Wieso biste denn nicht in der Schule, heute morgen?“. Fillip fragte Anna eher beiläufig, denn es sollte sich nicht etwa so anhören, als würde Schule schwänzen etwas schlimmes sein.
„Marianne“, sagte Anna und meinte ihre Mutter, die sie auf eigenem Wunsch mit dem Vornamen ansprach, „Marianne liegt wieder lieber den ganzen Tag im Bett, da habe ich auch keine Lust, zur Schule zu gehen.“
Anna schien trotz ihrer sieben Jahren ziemlich aufgeweckt und genauso sauer, dass sich ihre Mutter nicht um sie kümmern wollte.
„Außerdem habe ich keine vernünftige Hose – kannst Du mir nicht helfen? Bitte, Fillipo!“
Fillip sah ihre dreckige Trainingshose, ihre Spielhose, die von Anna mit einer Hand in hüfthöhe festgehalten wurde, da offenbar auch der Gummizug kaputt war.
„Wie soll ich Dir denn…“
„Meine Jeans ist zuhause, aber leider kaputt. Die konnte Marianne bisher auch nicht reparieren; kannst Du die nicht nähen? Kriegst auch ´ne Pizza. Bitte…!“
„Habt ihr denn wenigstens Nähzeug zuhause? Also los!“
Bis in die Schlumacherstrasse, zum Lokal der Mutter, waren es keine 500 Meter. Unterwegs sprachen die beiden kaum, Fillip merkte jedoch, wie aufgebracht Anna war, die er schon als Kleinkind kannte. Und irgendwie war diese Geschichte ja auch typisch für Marianne. Nicht, dass sie ihre Tochter nicht gemocht hätte, aber der Alltag schien ihr eben häufiger über den Kopf zu wachsen. Darunter leiden mussten andere.
„Schläft Deine Mutter den immer noch?“
„Was denkst Du denn?“. Anna schien genervt.
„Ist sie denn alleine?“
„Da ist noch irgend so ein Besuch da. Wie immer…“
Gegen Mittag bekommt die kleine Anna in der Schlumacherstrasse Besuch. Mua, eine Mitschülerin Annas aus der Stadtschule, drückt den Türknauf des TIPASA, doch die Tür scheint verschlossen. Sie wirft einen Blick durch das Kneipenfenster und erkennt ihre Freundin, die gelangweilt in der noch geschlossenen Gaststätte sitzt. Mua möchte Anna die Hausaufgaben bringen, einen Gang, der häufiger vorkommt, denn Anna bleibt häufiger dem Unterricht fern. Mua klopfte ans Fenster und riß Anna aus ihrem langweiligen Tagtraum. Es dauert eine Weile, bis Anna mit dem schweren Schlüsselbund die Eingangstür aufschliesst, die Tür aufstösst und sich dann wieder recht beleidigt zum Gastraum dreht. Auch das kennt Mua schon.
„Warum bist Du denn heute nicht in der Schule gewesen?“, fragt Mua Anna verständnisvoll.
„Ohhh Mann!“ – Anna war genervt.
„Meine Mutter hatte vergessen, mir die Jeans zu flicken, musste dann dringend weg und hat einfach vergessen, mir eine andere Hose hinzulegen. Würdest Du etwa mit der ollen Hose gehen?“Mua sah Annas Trainingshose und lächelte: „Ist ja auch egal. Wollen wir uns nachher, nach dem Essen, treffen? Vielleicht können wir ja auch noch Hausaufgaben machen…“
„Vielleicht; Aber nur, wenn Diana auch mitkommen kann. Ich habe ihr versprochen, nachher noch bei ihr vorbeizukommen!““Zu Diana?“ – „Ja. Hast Du etwas gegen Diana?“
Weiter nördlicher, im Ägidienquartier, schien an diesem Montagabend alles so wie zuvor und doch völlig anders. Man könnte meinen, die Raben und Krähen würden düsterer schreien als sonst, aber dafür sind ja eigentlich nur Hexen und alte Frauen empfänglich. Daß dachte sich Hans Schwarz, als gegen 18.30 Uhr der Laden geschlossen wurde und wunderte sich. So richtig warm ist es jetzt, Anfang Mai, ja noch nicht, aber das Wetter müsste sich langsam immer deutlicher von seiner freundlichen Seite zeigen, nicht so grau und drückend.
Hans Schwarz guckte aus dem Ladenfenster, zum Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Wahmstrasse. Fast beiläufig erkennt er Klaus Grabowski, der ganz langsam sein Fahrrad aus dem Eingang schiebt und es einige Meter weiter an die Hauswand unter den Arkaden anlehnt. Schwarz kannte Grabowski nur vom sehen und von dem, was man so aus der Nachbarschaft hören konnte. Angenehm war das nicht, der Kerl war so etwas wie ein Sittenstrolch, war wohl schon einige Male deshalb im Gefängnis. Hans Schwarz war jetzt Ende vierzig, hatte keine Kinder und interessierte sich eigentlich nur sehr mässig für das, was seine Mitmenschen tun. Aber bei diesem düsteren Klaus Grabowski war ihm auch nicht ganz wohl.
Einige Strassen davon entfernt sitzt, an einem kleinen Schreibtisch in einem winzigen Kinderzimmer, die Grundschülerin Muazezz und ärgert sich. Ärgert sich über ihre Mutter, die sie an diesem Nachmittag nicht spielen läßt und ärgert sich über sich selbst: Dass sie ihrer Mutter überhaupt erzählt hat, mit Anna spielen zu wollen, daß sie nicht einfach nach dem Essen hinausgelaufen ist…
Ein bärtiger Mann schiebt an diesem Montagabend zittrig sein Fahrrad auf dem Uferweg an der Kanaltrave in Richtung Wipperbrücke. Ein hagerer Mann, dessen Vollbart als eher dünn bezeichnet werden kann…